. .

Suchandt.de Blog

Odysee durch das Niemandsland

  • Kateogrie: Allgemein
  • 20.11.2010
  • Kommentare: 0
Dieser Artikel wurde vom Gastautor Max Moritz geschrieben.

Sage mir, Muse, die Taten des vielgewanderten Mannes, welcher so weitgeirrt, …

Auf diese Weise beginnt das Uralte Epos rund um König Odysseus, welcher nach der Zerstörung Trojas auf Irrfahrt über die Meere seine Heimat sucht. Ich bin kein König, nicht einmal adlig, obwohl meine Großmutter den Mädchennamen “von Bartschikowski” trägt. Das wird wohl auch der Grund dafür sein, dass mir kein Gefolge zur Seite steht. Zudem bin ich weder gut gerüstet noch kampferprobt. Die Gegner, welche sich mir bei meiner eigenen Andissee in den Weg stellen, lassen sich weder angreifen noch töten. Dafür sind sie umso mächtiger und heimtückischer. Manchmal wäre es mir lieber, der Feind stünde mir Auge in Auge gegenüber – ein Showdown, aus dem nur ein Gewinner hervorgehen kann. Leider scheint diese Art der Konfrontation seit Einführung der Zivilisation von subtileren Tötungsmechanismen verdrängt worden zu sein. Der Kampf “Mann gegen Mann” findet nur noch am Rande von Fußballspielen oder in der Form “Mann gegen Frau” in heimischen Wohnzimmern statt – eben dort, wo die Zivilisation nichts zu suchen hat. Warum ist das so? Die Geschichte von David und Goliath lehrt uns: Auch wenn du größer und stärker bist als dein Gegenüber, besteht für dich die Möglichkeit den Kampf zu verlieren. Für einen modernen Goliath ist das keine zufriedenstellende Aussicht. Im einundzwanzigten Jahrhundert darf der Hai die Sardine nicht einfach fressen. Er muss ihr zu verstehen geben, dass sie keine andere Wahl hat als in sein Maul zu schwimmen. Das spart Energie und schont das Gewissen: Zum einen muss er keine Kraft für die Jagd aufwenden, zum anderen kann er hinterher immer behaupten, die Sardine habe eine faire Chance gehabt, es sei ihre eigene Entscheidung gewesen.

Ich wohne in Limbach-Oberfrohna. Die BA befindet sich in Dresden. Mein Praxispartner hat seinen Sitz in Chemnitz. Alles im Umreis von 80km. Kein Problem, oder? Irgendjemand hat nach dem Krieg Schienen zwischen die beiden Städte Dresden und Chemnitz gelegt. Die Wohnungen in Dresden sind sehr teuer. Die Schienen liegen einfach so da. Warum sollte ich sie nicht benutzen? Zwischen den beiden Städten verkehren drei Arten von Zügen:

Die Regionalbahn hält überall, der Regionalexpress manchmal und der Interregioexpress hält fast nie.

In 1-2 Stunden hat man die Strecke auf jeden Fall gemeistert. Da es sich bei Allen um Regionalverkehr handelt, könnte man meinen, die Monatskarten des Verkehrsverbundes seien gültig. Sind sie auch. Meistens. Der Verkehrsverbund Mittelsachsen (VMS) möchte 139€ pro Monat. Er bringt mich jedoch nur bis Niederbobritsch. Danach, also ab Klingenberg- Kolmnitz, ist der Verkehrsverbund Oberelbe (VVO) am Zug. 82€ pro Monat. Rein theoretisch sollte das reichen, um jeden Tag von A nach DD zu kommen. Praktisch nicht. Wie der nette Schaffner mir bei meiner ersten Fahrt mitteilte, fährt der Zug zwischen beiden Bahnhöfen durch “Niemandsland”. Erstaunlich. Und das mitten in Deutschland. 32€ pro Monat. Wie muss ich mir das vorstellen? Verlässt in Niederbobritsch die gesamte Crew den Zug, wird durch Personal der Deutschen Bahn ersetzt, welches genau eine Station fährt, um anschließend von den Mitarbeitern des VVO abgelöst zu werden? Die genannten Preise gelten nebenbei nur für Azubis. Alle drei Parteien möchten unabhängig voneinander Berechtigungsnachweise meiner Uni. Klar, schließlich ist meinem Studentenausweis grundsätzlich nicht zu trauen. Zudem könnte es sein, dass ich in Chemnitz noch Student bin, in Kolmnitz plötzlich nicht mehr – schließlich gelten im Niemandsland andere Gesetze. Nicht auszuschließen, dass mein Studentenstatus erst in Dresden wie von Geisterhand wieder erscheint. Er erörterte mir zudem, dass ich nur Regionalbahn fahren dürfe. Begründung dafür: Nur die RB hält überall. Die anderen nicht. Aha. Ich habe für eine Strecke bezahlt. Nur die Regionalbahn fährt diese Strecke. Alle anderen verlassen erstaunlicherweise die Gleise, durchfahren ein Raum-Zeit Kontinuum und treten genau dort wieder in die Erdatmosphäre ein, wo es mir nichts mehr nutzt. In Dresden wende ich mich an einen netten jungen Mann, Azubi, Servicemitarbeiter der Deutsche Bahn AG. Er strahlt mich an und meint da sei “nichts zu machen”. Vielleicht seien andere Verkehrsmittel für meine Lage besser geeignet oder eine kleine Wohnung in Dresden.

Herzlich Willkommen in der Bundesrepublik Deutschland. Auf meine Frage, wie die Flugverbindung zwischen Chemnitz und Dresden ausgebaut sei, erhielt ich leider keine Antwort. Ich habe keine Wahl. Wenn die BA ruft, muss ich 6 Stunden Fahrt auf mich nehmen, um 2 Stunden zu studieren. Der Tarifdschungel im Öffentlichen Nahverkehr ist voller Gefahren.

Odysseus muss kämpfen.

Kommentar verfassen

Über den Autor

Webdevelopment & Graphicdesign
Suchandt auf Twitter Suchandt auf Facebook Suchandt auf Youtube

Kategorien

Partner